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Probleme mit Kirche (II)

Veröffentlicht in gemeinde neudenken. by Sam am Mai 12th, 2008

Heute morgen war ich seit langem wiedermal in einem evangelisch-landeskirchlichen Gottesdienst. Und ich habe wirklich versucht mich gedanklich und emotional darauf einzulassen.

Es war ein liturgischer Gottesdienst mit viel kanaanäischem mittelalterlichem Blabla (das zudem vom Pfarrer noch abgelesen wurde) und (in meinen Ohren) grausamer Orgelmusik zu Gesängen aus dem 16. Jahrhundert. Das Abendmahl wirkte ein bißchen wie eine Abfertigung und der Pfarrer schwankte ab und zu zwischen einem stockernsten und einem erheitertem Gesicht.

Einzig und allein die Predigt von Axel Kühner hat den Gottesdienst aus den Miesen geholt. Es ging um den Heiligen Geist als Tröster und den Vertrauens-Vertrag, den Gott uns mit Pfingsten anbietet. Rhetorisch perfekt, komplett ohne Skript (also frei gehalten) und in einer Sprache, die meiner Meinung nach für jüngere und ältere Menschen ansprechend war. Die Predigt war authentisch, direkt und inhaltlich ermutigend sowie aufbauend.

Allerdings sind mir im Rückblick auf den Gottesdienst heute nochmal viele meiner (äußerlichen) Kritikpunkte an der heutigen Landeskirche (so wie ich sie bisher überwiegend kennen gelernt habe), eingefallen:

  • Kalter, unfreundlicher Raum
  • Angespannte Atmosphäre vor Beginn des Gottesdienstes (keine Gespräche)
  • Harte, unbequeme Sitzmöglichkeiten
  • Bühnen- bzw. Pfarrerzentrierung
  • Mittelalterliche Sprache und Musik
  • Gästeunfreundliche Liturgik
  • Lebens- bzw. alltagsferne Sprache
  • Unverständliche Symbolhandlungen

Selbstverständlich weiß ich, dass es nicht in allen Landeskirchen so ist und dass es durchaus positive Gegenbeispiele gibt. Allerdings habe ich noch nicht viele positive Erfahrungen gemacht. Und daraus folgere ich, dass der Großteil der evangelischen Kirchen (in Deutschland) unverändert einen großen Bedarf an Veränderungen hat.

Böse Zungen prophezeiten ja sogar ein Sterben der Landeskirchen in den nächsten Jahrzehnten. Die Frage ist für mich nur, ob man dieses Sterben nicht bewusst und kontrolliert herbeiführen sollte anstatt abzuwarten bis es unkontrolliert von selbst eintritt.

Hier ist für mich ein erster Anknüpfungspunkt zur emerging church Bewegung. Aber dazu werde ich später sicher nochmal mehr schreiben.

PS: Ich bin mir bewusst, dass ich nicht der erste und einzige bin, der solche Gedankengänge hat und verfolgen möchte.

5 Responses to 'Probleme mit Kirche (II)'

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  1. Torsten said, on Mai 14th, 2008 at 17:43

    Ich bin bekennender Landeskirchler. Definitiv. Und gerade wegen Orgelmusik, harten Holzbänken und festgelegter Liturgie will ich diese Art des Gottesdienstes nicht missen. Im Gegenteil. Für mich gehört das dazu, denn nur so kann ich von allem anderen Abstand nehmen, von jeglichem unnötigen Tand und tollem modernem Zeug, was mir persönlich mehr Ablenkung als Nutzen bringt.

    Dass nicht jeder landeskirchliche Gottesdienst eine Meisterleistung an Rhetorik ist, darüber müssen wir glaube ich nicht streiten. Jedoch ist für mich dieser kalte und an sich nüchterne Gottesdienstraum genau der Ort, wo ich Gott begegnen kann. Denn gerade hier, fernab von großen Fenstern, durch die ich spielende Kinder oder die Autobahn sehe, fernab von 96.541 verschiedenen Möglichkeiten, meinen Blick und damit meine Gedanken abschweifen zu lassen, gerade hier passiert bei mir Gottesbegegnung. Nicht im lärmenden, lauten und meistens durch E-Gitarren verseuchten Backgroundchor (Sorry Sam, ein bisschen Spaß muss auch sein!), sondern in den ruhigen Kirchenliedern mit den Texten, die eigentlich keiner Predigt mehr bedürfen, genau hier beginnt für mich Anbetung.

    Zur Schlachtung freigegeben,
    der Torte

  2. Sam said, on Mai 14th, 2008 at 18:47

    Vielen Dank für den Kommentar, Torte.
    Es freut mich, dass es noch Menschen gibt, die mit diesem “Stil” von Kirche etwas verbinden und anfangen können. Und deine reflektierte Sicht ist durchaus sehr berechtigt und bedarf keiner Veränderung.

    Trotzdem möchte ich hier mal die Behauptung aufstellen, dass du damit in der Minderheit bist. Meine Erfahrungen und Begegnungen mit Menschen waren zum größten Teil von einer Ablehnung gegen Glauben und Kirche geprägt aufgrund meiner oben genannten Gründe.

    Also ich kann beide Sichten nachvollziehen, fühle mich selbst aber eher zur schon geschilderten hingezogen. Trotzdem bewundere und würdige ich hiermit ausdrücklich dein Empfinden für die Landeskirche(n).

  3. Sam said, on Mai 14th, 2008 at 18:50

    PS: Deine versteckten Unterstellungen zu meiner Sicht von “Kirche in der Postmoderne” lasse ich einfach mal unkommentiert ;-) Ich kenne dich ja und weiß, dass du mich nicht wirklich in diese (von dir genannten) Schubladen stecken willst.

  4. Torsten said, on Mai 15th, 2008 at 12:01

    Welche Schubladen? Ah, die! Jetzt. Sag das doch gleich! ;-)

    Damit, dass ich auf verlorenem Posten da stehe, habe ich mich auch schon befasst. Das Problem ist meines Erachtens nicht die Form, in der ein solcher Gottesdienst stattfindet. Viel mehr sind es die äußeren Begebenheiten, die zu dieser “Kirchenflucht” führen:
    1. Alte Pfarrer, die starrsinnig ihrem Untergang entgegen gehen (”Das haben wir schon immer so gemacht.” ;)
    2. Die Einstellung der Gemeinde. Gerade in Dörfern gehen den Kirchen die Mitglieder aus. Engstirnigkeit ist nur eines der Schlagworte.
    3. Eventgesellschaft. Man geht nicht mehr in den klassischen Gottesdienst, weil dort “nichts geboten wird”. Ein “langweiliger” Alleinunterhalter, der monoton irgend was unverständliches vor sich hinbrabbelt, bla, bla, bla.

    Das sind sicher nicht alle Gründe, die dazu führen, dass die klassische Kirche in ihrer derzeitigen Form dem Untergang geweiht ist.
    Jedoch geht es auch anders. In der klassischen Kirche. Ich selbst komme aus einer Kirchengemeinde (www.kirche-hertmannweiler-buerg.de), die es, auch aufgrund des Pfarrers, Thomas Bleher, um gute Leute auch mal beim Namen zu nennen, und seiner Einstellung zur Moderne, durchaus geschafft hat, Altes mit Neuem zu verbinden. Da, und nur da, sehe ich die Chance und die Zukunft der klassischen Kirche, die nur durch Einheit ihre Vielfältigkeit leben kann. Und dann kann ich auch auf all die anderen Formen von Gemeinde verzichten, die leider, sieh das nicht als Angriff, teilweise viel zu engstirnig sind und lieber ihre eigene Suppe kochen als das bestehende zu verändern.

    der Torte

    P.S. Klar verstehe ich jeden, der mit der klassischen Kirche nichts anfangen kann. Da nur die Überlegung für jeden einzelnen: Warum kann ich damit nichts anfangen? Und sollte ich nicht gerade dort etwas ändern?

  5. Sam said, on Mai 15th, 2008 at 13:05

    Weise Worte, die keines weiteren Kommentars bedürfen.

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